12. März 2021

Hotel-Ikone im Schönheitsschlaf


Sind alle Wintergäste abgereist, beginnen im Palace die Vorbereitungen für den Sommer mit Housekeeping-Chefin Michaela Gäng und technischem Leiter Konstantinos Georgantopoulos.

Gstaad Palace | Das Luxushotel im Berner Oberland hat sich in die Zwischensaison verabschiedet. Jetzt läuft das grosse Reinemachen und Renovieren - bis in drei Monaten die Gäste zurückkehren.

Zweimal pro Jahr kämpft Andrea Scherz gegen den Anflug von Wehmut. Aber er lässt sich nichts anmerken und verabschiedet tapfer die Gäste. Im März und im September schliesst das Luxushotel Gstaad Palace jeweils seine Tore für etwa drei Monate. Statt Schweizer und internationale Kundschaft im Designer- Outfit dominieren für Wochen Frauen und Männer in lockerer Arbeitskluft die ehrwürdige Szenerie. Selbst der Chef erscheint in Pulli und Jeans zum Dienst. «Es herrscht jetzt natürlich eine ganz andere Stimmung im Hotel», sagt Andrea Scherz, der das berühmteste Hotel von Gstaad in dritter Generation führt.

Am ersten Märzsonntag verliessen die letzten Wintergäste das Palace, am Montag begann das grosse Reinemachen. «Wir dringen in den hintersten Winkel vor», beschreibt Michaela Gäng die ersten zehn Arbeitstage der Zwischensaison. Die erfahrene Gouvernante generale aus dem Frankenland leitet die Housekeepingcrew, die zu Beginn der gästelosen Zeit noch im Vollbestand am Werk ist.

Wasserhähne werden entkalkt, Polster gepflegt 30 Teammitglieder sind mit der Grundreinigung der 90 Zimmer und Suiten beschäftigt, mit den fünf Restaurants, den weiteren öffentlichen Räumen, dem Spa und den sechs Mitarbeiterhäusern des Palace. Wasserhähne werden entkalkt, Vorhänge ausgetauscht, Polster gepflegt, Flecken von Wandbezügen entfernt und Matratzen gereinigt. Kissen, Kleinmobiliar oder Nippes kommen ins Depot, die teils wertvollen Möbel werden abgedeckt. «Das Gstaad Palace ist wie eine alte Lady», sagt Michaela Gäng. «Sie zieht die Kleider aus, putzt die Zähne, schminkt sich ab, wäscht sich und schlüpft ins Nachthemd für den Zwischensaisonschlaf.» Die Hotel-Ikone mit den Türmchen ist 108 Jahre alt. «Nur wenn man genau hinsieht und die Lady immerwieder auffrischt und renoviert, bleibt sie in Schuss», erklärt die Executive Housekeeperin. Während der Saison bleibt Gängs Crew keine Möglichkeit für die Grundreinigung. «Wir putzen zwar täglich sehr systematisch, aber um einen Teppich zu schamponieren und zu trocknen, brauchts drei Tage und freie Zimmer», sagt Gäng. «Wir wollen die Gäste nicht mit Lärm oder Hektik belästigen.» Wer im Schnitt 1200 Franken pro Nacht fürs Zimmer bezahlt, duldet keine Störung. «Auch wir können erst richtig loslegen, wenn die Gäste abgereist sind», sagt Konstantinos Georgantopoulos. Der Technische Leiter verantwortet im Gstaad Palace Unterhalt, Reparaturen und Renovierung. Für den Cheftechniker mit Wurzeln in Griechenland und Bayern und sein sechsköpfiges Team hat die anstrengendste Zeit des Jahres begonnen. «Die Zwischensaison fordert uns noch mehr als die Monate mit Gästen», sagt Georgantopoulos.

«Die Covid-19-Situation erschwert unsere Planung»

Seine Equipe reinigt Lüftungskanäle, tauscht Filter aus, stellt Beleuchtungssysteme von Halogen auf LED um, dichtet Fugen oder baut Ersatzteile ein. Zusammen mit externen Handwerkern erledigt man auch Umbauten, bald erhält die Snackbar beim Schwimmbad eine neue Küche. «Die Covid-19- Situation erschwert unsere Planung», sagt der Chef der Haustechnik, «wir benötigen Ersatzteile für alte Heizkörper - aber diese stecken leider in Frankreich fest.»

Der gelernte Elektriker und Sanitär kam im letzten Sommer vom Badrutt’s Palace in St. Moritz nach Gstaad. «Hierbraucht man im Winter nicht ganz so viel Schnee zu schaufeln wie im Engadin», schmunzelt der Allrounder. Dafür muss er sich bald um die vier hoteleigenen Tennisplätze und den 50 Meter langen Aussenpool kümmern. «Und spätestens zehn Tage bevor die ersten Gäste ankommen, müssen wir das Hotel hochfahren.»

Am 18. Juni soll die noble alte Dame ausgeschlafen und aufgefrischt wieder Individualgäste für die Sommersaison empfangen.

Ein Artikel von Christoph Ammann, Tages-Anzeiger

 

Newsletter