30. Mai 2021

Das Vermächtnis lebt weiter

Im Gstaad Palace logieren auch viele Prominente: Ernst A. Scherz mit Filmstar Roger Moore

Während 32 Jahren hatte Ernst A. Scherz das Gstaad Palace geprägt. Hommage an einen grossen Hotelier und ein ganz besonderes Haus

Als der alte Herr zur Runde stiess, zögerte der Sohn nicht lange: «Papa, ich habe mich entschlossen, das Hallenbad zu renovieren.» Ernst A. Scherz zog kurz die Augenbrauen hoch, seine Miene
wurde skeptisch. Doch als Filius Andrea den Betrag der ersten Offerte nannte, entspannte sich der Senior: «Ich dachte schon, das koste drei Millionen Franken.» Ernst A. Scherz war immer Hotelier mit Leib und Seele. Während 32 Jahren hatte er das Gstaad Palace geführt, bevor er es 2001 seinem Sohn Andrea Scherz übergab. Am 13. Mai ist Ernst A. Scherz im Alter von 81 Jahren gestorben.

Unsere erste und leider letzte Begegnung mit dem langjährigen Patron Anfang März war eindrücklich. Fasziniert hingen wir an den Lippen des begnadeten Erzählers. Beiläufig erwähnten wir, den
Nachmittag bei einer Wanderung zu verbringen. Ernst A. Scherz schlug gleich ein paar Routen um Gstaad vor und liess nicht locker, bis der Concierge eine Wanderkarte herausrückte. «Am liebsten würde ich euch begleiten», sagte der Alt-Hotelier, «aber ich muss mich etwas schonen.» Eine tückische Krankheit zehrte an seinen Kräften, trotzdem suchte er im Luxushotel, das er so sehr geprägt hatte, bis kurz vor seinem Tod regelmässig das Gespräch mit Stammgästen und Mitarbeitenden. «Nur am letzten Silvesterabend blieb ich freiwillig zuhause», sagte der Mann, der unzählige rauschende Feste im Gstaader Palast organisiert hatte. «Unter den herrschenden Umständen konnte doch gar keine richtige Stimmung aufkommen.»

Die Schweizer konnten die Lücke nicht füllen

Das Fünfstern-Superior-Hotel mit neunzig Zimmern und Suiten erlebte coronabedingt ein Geschäftsjahr mit einem massiven Umsatzeinbruch. «Wir beherbergen normalerweise achtzig Prozent ausländische Gäste», erklärt General Manager Andrea Scherz. «Diese konnten bis im Frühling kaum reisen. Mit Schweizerinnen und Schweizern war die Einbusse aber nicht wettzumachen.»

Neben dem Baur au Lac in Zürich bleibt das Gstaad Palace das einzige nationale Spitzenhotel, das einer Familie gehört – und von dieser auch geführt wird. Zwar hält der Industriellen-Clan Dassault einen namhaften Anteil der Aktien, aber die Geschicke der Familienholding bestimmt Andrea Scherz. «Ich hatte im letzten Jahr oft schlaflose Nächte», bekennt der Vertreter der dritten Scherz-Generation, «schliesslich trage ich die Verantwortung für das Unternehmen und bis zu 250 Mitarbeitende.» Und sein Vater Ernst A. Scherz bekannte beim Kaffee in der Hotelhalle: «Ich musste meinem Sohn oft Trost spenden.» Der Ex-Patron war Ehrenmitglied des Verwaltungsrates, ein Grandseigneur, wie er im Buche steht, der sich von der Glamourwelt des Hotels aber nie blenden liess. Einer der eindrücklichsten Sätze aus unserem Gespräch: «Sie sehen hier Leute, die tausendmal reicher sind als wir», sagte er. «Aber sind sie auch tausendmal glücklicher?»

Ernst A. Scherz’s Vater hatte einst Marlene Dietrich oder Louis Armstrong für Auftritte ins Palace geholt. Nicht ungern liess sich auch Ernst A. mit Filmgrössen wie Liz Taylor, Richard Burton oder Roger Moore ablichten, und um ein Haar gewann er Michael Jackson als Dauermieter für die teuerste Suite. Scherz nutzte die Strahlkraft der Stars, aber er wusste auch, dass man als Hotelier den Franken wohlüberlegt ausgeben muss. Nachdem Ernst A. das Gstaad Palace als 29-Jähriger 1968 von seinem Vater übernommen hatte, stellte er das Haus auf eine gesunde wirtschaftliche Basis – etwa mit dem Bau von Eigentumswohnungen für Vermögende, die von den Dienstleistungen des nahen Hotels profitierten und profitieren.

 

Die Folgen einer nicht bezahlten Rechnung

Der Luxushotelier überwand auch diverse Krisen. «Eines Morgens kam ich ins Büro – und alle Telefone waren tot. Die PTT hatte die Leitung gekappt, weil ich die Rechnung nicht bezahlen konnte.» Trotzdem schaffte es Ernst A Scherz wie sein Sohn Andrea, sich mit dem Palace in der Spitzenklasse der Schweizer Hotellerie zu behaupten. Eine unvergleichliche Lage über dem Nobelkurort, hervorragender Service, vielfältige Gastronomie und edel ausgestattete Zimmer und Suiten sind bis heute die Erfolgsfaktoren.

«Wir müssen vernünftig wirtschaften, um Mittel für die Erneuerungen und Renovationen im 108 Jahre alten Gebäude zu generieren», sagt Andrea Scherz. «Gäste, die im Schnitt 1200 Franken für ein Doppelzimmer bezahlen, sind zu Recht sehr anspruchsvoll. Wir dürfen auf keinen Fall hinter die Konkurrenz zurückfallen.»

In dieses Kapitel gehört auch die Renovation des 50-jährigen Hallenbades, die Ernst A. Scherz nun nicht mehr erlebt. Dabei ist das Bad wie so vieles im Haus sein Vermächtnis. Er hatte es einst mit einer genialen Idee zur Gstaader Top-Location mit doppelter Nutzung gemacht: Wenn die Schwimmer das Wasser verlassen haben, senkt sich von der Decke eine Bühne aufs Becken und wird unter dem zuckenden Licht des Nightclubs GreenGo zum Dance Floor – zumindest in Nicht-Corona-Zeiten.

Ein Artikel von Christoph Ammann, Sonntagszeitung

 

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