27. Mai 2019

Andrea Scherz: Lehr- und Wanderjahre des Hoteliers des Jahres 2019

Wer meint, einem Junior aus gutem Hause, aus einem Palace gar, falle alles in den Schoss, der täuscht sich. Andrea Scherz (50), heute Abend zum Hotelier des Jahres 2019 gekürt und stolzer Besitzer des Gstaad Palace, hat seine Sporen tüchtig abverdienen müssen. Hier sind fünf heitere Episoden aus seinen Lehr- und Wanderjahren.

Die ersten Gehversuche

Sie wuchsen brav und wohlerzogen auf, die zwei Scherz-Söhne Andrea und Thierry. Kleine, harmlose Spielchen erlaubten sich die zwei Kleinen ab und zu dennoch. So stibitzten die beiden Lausbuben bei den obligaten Empfängen für die Tennis-Gäste von Grand-Slam-Superstar Roy Emerson im Garten des Chalets jeweils die frischen Schinkengipfeli vom Buffet. Besonders toll war das Versteckspiel im Hotelgarten, zum Beispiel mit Jacques Chirac, dem damaligen Bürgermeister von Paris und späteren französischen Staatspräsidenten. Auch Roger Moore war immer ein gern gesehener Gast. Den Narren hatte der charmante Brite vor allem an der Spielzeugeisenbahn der beiden Jungs gefressen. Denn statt Cocktails und Smalltalk mit den Grossen faszinierten Bond um Welten mehr die grüne Krokodil-Lok der Schweizer Bundesbahnen SBB und der «Rasende Roland», wenn er um die Ecken im Kinderzimmer dampfte. Da leuchteten die Äuglein – nicht nur jene der Kleinen.

Das erste Abenteuer

Er fühlte sich schon immer zu Höherem berufen… Es muss 1981 gewesen sein, als die Fassade des Palace komplett in ein Baugerüst eingehüllt war. Da erklomm Andrea Scherz – klammheimlich – das Gerüst und stieg höher und höher, bis er die Turmspitze des Palace, seines Palace, berühren konnte. Doch damit nicht genug. Zusammen mit seinem Cousin kam er auf die wagemutige Idee, sich am Flaschenzug, der in Form eines simplen Seils via eine Rolle über sieben Stockwerke hinunterhing, zu ertüchtigen. Die zwei Kerle gelten seither im Saanenland als «Erfinder des Bungee-Jumpings». Wehe, Grossvater Ernst Scherz hätte sie dabei erwischt.

Die erste Kochlektion

Seine erste Kochlektion an der Ecole hôtelière de Lausanne EHL, der weltberühmten Kaderschmiede, die Andrea Scherz von 1989 bis 1993 besuchte, ist legendär. Da war dieser Oberlehrer namens Monsieur Philippe Miéville, der ihn damals eine Gemüsesuppe kochen liess. Stolz zeigte Andrea sein Resultat. Miéville packte den Topf und befahl dem Nachwuchskoch, ihm doch bitte zu folgen. Schnurstracks ging’s zum Schweinekübel, wo die Suppe entsorgt wurde. Zurück auf Feld Eins.

Das erste Sackgeld

Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann kriegte er es auch… Andrea Scherz wusste immer, was er wollte. Wiederum spielt die Geschichte an der EHL in Lausanne. Und zwar wollte Andrea Scherz unbedingt sein Servicepraktikum auf Hawaii machen. Eigentlich war es mehr ein Witz unter Kollegen. Aber er liess nicht locker, schrieb überall hin, unter anderem an Herrn Aebi, den damaligen General Manager im legendären Halekulani auf Honolulu. Und: Aus dem Traum wurde Wirklichkeit ― 1000 Franken Preisgeld holte sich nämlich Andrea für die beste Projektarbeit aller Studierenden seines Jahrgangs an der EHL. Später dann, die Taschen gut gefüllt, zog Andrea Scherz in die Ferne und kehrte eines Tages im Mai 1996 zurück – ins Palace nach Gstaad.

Erstmals an der Rezeption

Diesen Sommertag vergisst er zeitlebens nicht mehr: Der junge Andrea Scherz absolvierte 1996 seine erste Saison im eigenen Haus. Und zwar an der Rezeption. Da klingelt das Telefon – wiederum die Dame aus dem zweiten Stock. Eben erst hatte sie einer Bagatelle wegen angerufen, und nun schon wieder. Doch dieses Mal tönt es ernst aus der Muschel: «Un chien, un chien! J’ai vu un chien qui volait dans l’air.» Was soll man da noch sagen, fragt sich der junge Rezeptionist. Das nervt tierisch. Trotzdem nimmt er das Anliegen freundlich entgegen, beruhigt die Dame, legt zügig den Hörer auf und geht zur Tagesordnung über.
Kurz darauf schellt es wieder. Nein, nicht die Dame aus dem zweiten Stock spricht jetzt, sondern ein aufgeregter Portier aus dem ersten Stock. «Herr Scherz, kommen Sie sofort! Wir haben einen Todesfall. Ein Hund ist aus dem Fenster gesprungen.» Kalt und warm läuft es dem Neuling den Rücken hinunter. Er eilt zum Ort des tragischen Geschehens auf den grossen Balkon von Zimmer 127. Da steht das Herrchen, fassungslos, in sich zusammengesunken über dem traurigen Häufchen Elend, das einst ein stolzer Irish Setter gewesen war.
Wie hatte so etwas nur passieren können, fragte sich unser Rezeptionist. Des Rätsels Lösung: Der Hund wartete sehnlichst auf sein Herrchen im Zimmer auf dem 5 Stock. Plötzlich hört er aber die vertraute Stimme seines Meisters, welcher auf der Terrasse beim Mittagessen war. Und setzte, wie gewohnt von Zuhause, zum grossen, letzten Sprung aus dem Fenster an.
In typischer Palace-Manier machten der Hausmeister und der Rezeptionist auch aus der grössten Not eine Tugend und zimmerten in der hauseigenen Werkstatt einen Holzsarg für das verstorbene Lebewesen. Für ein standesgemässes letztes Geleit des Hundes, der sinnigerweise auf den Namen «Jet» gehorchte. Das war das Mindeste, was man in einer solch verfahrenen Situation tun konnte.

 

Andrea Scherz ist der General Manager des weltbekannten Gstaad Palace Hotel. Er ist in der Hotellerie aufgewachsen, da die Familie Scherz das Hotel in dritter Generation führt. Bevor Andrea Scherz im Gstaad Palace eingestiegen ist, hat er für diverse Hotels wie dem Beau-Rivage in Lausanne, das Savoy in London und das InterContinental in Genf gearbeitet. Davor hat er verschiedene Praktika in den Vereinigten Staaten und Italien absolviert. Heute hat Andrea Scherz auch Einsitz in diversen Verwaltungsräten der Tourismus- und Hotel-Industrie wie Swiss Deluxe Hotels, Leading Hotels of the World und der Flugplatzgenossenschaft Gstaad-Saanenland. Andrea Scherz hat die Hotelfachschule Lausanne (EHL) absolviert, und hat den höchsten Abschluss in Hotel Management des Schweizer Hoteliervereins. Er spricht fliessend Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch.

Der Hotelier des Jahres 2019 und seine Sicht der Dinge

Andrea Scherz im NZZ Executive Interview



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